Der strategische Overkill

Jetzt war ich schon im zweiten Unternehmen, in dem ich über deren Strategiepapier gestolpert bin. Dort wurde die Vision präsentiert und damit einhergehend wurden 4 Strategiefelder, 8 Strategiesäulen und 16 Entwicklungsschwerpunkte erläutert, um die Vision zu operationalisieren! Beide Technologiekonzerne sind Innovationsführer und in ihrem Marktsegment führend.

Doch welche Berater – anscheinend haben diese beiden Konzerne den gleichen – kommt auf solche schwachsinnigen Ideen? Ziel einer solchen Hochglanzbroschüre soll es doch sein, die Unternehmensstrategie und die damit verbundenen Ziele gut verständlich für die Anleger, die Führungskräfte und eigentlich auch für jeden Mitarbeiter nachvollziehbar offen zu legen. Die Anleger sollen von der Intelligenz und der Weitsichtigkeit beeindruckt sein und so motiviert werden, an den Erfolg dieser Strategie zu glauben. Darüber hinaus soll damit die Möglichkeit geschaffen werden, die Führungskräfte und Mitarbeiter zu motivieren und an der Realisierung dieser Visionen mitzuarbeiten. Ziel müsste doch sein, das ganze Unternehmen an dieser Vision, den Zielen und der Strategie auszurichten, damit alle daran arbeiten können, diese zu realisieren.

Ich vergleiche ja immer gerne ein Unternehmen mit einem Orchester. In diesem Sinne bilden die Ziele und Strategien die Partitur. Versinnbildlichen also, welches Stück gespielt werden soll. Doch welcher Dirigent würde gleichzeitig 4 Partituren mit 8 unterschiedlichen Tempi und 16 unterschiedlichen Tonlagen seinen Musikern geben? Undenkbar und zum Scheitern verurteilt. Wie aber wollen die Herren Vorstände ihre Führungskräfte und ihre Mitarbeiter mit solchen Broschüren und Vorlagen erreichen, sie motivieren und ihnen Guideline geben?

Vielleicht würde dies ja gelingen, wenn denn wenigstens alles aufeinander aufbauen würde und die 4 Strategiefelder von den 8 Strategiesäulen gestützt würden und sich die Entwicklungsschwerpunkte aus den Strategiesäulen logisch herleiten ließen. Stattdessen nur Schlagworte und intellektueller  Overkill.

Schlagworte wie Digitalisierung – e-mobility – New Work ??? Und was nicht fehlen darf – Industrie 4.0 – werden locker nebeneinander gesetzt und als Entwicklungsschwerpunkte beschrieben.

Es gibt wohl keine Broschüre einer technologiegetriebenen Aktiengesellschaft, die diese Begrifflichkeiten nicht vermarktet.

Interessant auch, dass dies noch Entwicklungsschwerpunkte sind. Es also noch etwas zu entwickeln gibt und nicht sofort umgesetzt werden kann.

Ach soo!

Aber,

was sollen denn dann 40 bis 50-seitigen Broschüren, die die strategische Ausrichtung und die Zukunft eines Konzerns beschreiben, wenn sie nicht die Führungskräfte und die Mitarbeitern erreicht und ihnen zeigt, was sie persönlich dazu beitragen können, diese Strategien umzusetzen und die damit verbundenen Ziele zu erreichen?

An den strategischen Feldern, den Strategiesäulen und den Entwicklungsschwerpunkten können sie auf jeden Fall nicht ansetzen, da diese so global, galaktisch formuliert wurden und wie gesagt, noch entwickelt werden müssen.

Wenn man dann die Broschüren durchsieht und nach dem Mitarbeiter forscht, liest man auf der vorletzten, beziehungsweise letzten Seite, dass der Mitarbeiter im Mittelpunkt des Denkens und Handelns steht und man ihn unterstützt, fördert und Freiräume gibt, sich selbstbestimmt zu entwickeln.

Dann ist ja gut: Sie haben doch tatsächlich an mich gedacht – oder ???

Und warum schreibe ich das erst auf Seite 38 bzw. 43 und nicht auf den ersten Seiten und stelle dem Mitarbeiter eine Strategie vor, die er versteht, die in sich konsistent ist und die Visionen und Ziele durchgängig beschreibt? Also den Führungskräften und Mitarbeitern klar verständlich vermittelt, wohin die Reise geht und welchen Beitrag er leisten kann, um diese Ziele zu erreichen. Wenn ihm also das Stück, was alle gemeinsam spielen sollen, vermittelt wird, sollten in solchen Papieren auch Hinweise auf die Tempi gegeben werden, das heißt, das Wertesystem aufgezeigt werden, in dem die Werte des Unternehmens und das sich daraus abgeleitete Verhalten der Führungskräfte und Mitarbeiter dargestellt werden.

In meiner Wiegands Warte vom 26. September 2014 habe ich von einem solchen Wertesystem und der Macht der Prinzipien gesprochen. Denn Prinzipien bestimmen unser Handeln und geben Guideline, an denen sich alle ausrichten können.

Was wäre also, wenn diese beiden Konzerne ihre drei wirtschaftlichen und drei strategischen Ziele genannt hätten und dann gesagt hätten: „Dies wollen wir dadurch erreichen, dass

  1. wir durch Innovationen und anwendungsorientierter Entwicklung dem Kunden mit unseren Produkten heute und in Zukunft Mehrwert verschaffen.“
  2. wir als Führungskräfte keine Antworten mehr geben, sondern Fragen stellen, um die Mitarbeiter in den Problemlösungsprozess mit einzubeziehen, Verantwortung zu geben, um ihn zu motivieren, ein Teil des Ganzen zu sein.“
  3. wir Werte ohne Verschwendung schaffen, um damit alle an der Beseitigung der Verschwendung zu beteiligen und damit kontinuierlich zu verbessern.“

Könnte damit nicht jeder Mitarbeiter morgen anfangen, diesen Prinzipien Geltung zu verschaffen und sein Verhalten an diesen Prinzipien auszurichten, um damit an der Realisierung der vorgegebenen Ziele teilzuhaben?

Bleiben Sie uns gewogen – bleiben Sie Lean.

Ihr Bodo Wiegand

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