Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen

Wir ertrinken in Informationen und hungern  nach Wissen

John Naisbitt, Trend- und Zukunftsforscher

Letztlich habe ich einen Vortrag vor der Führungsmannschaft eines Unternehmens gehalten.

Als ich beginnen wollte, waren 3 Laptops noch aufgeklappt und 2 weitere Manager spielten mit ihrem I-phone. Als ich dann 2 Minuten nichts gesagt habe, guckten mich alle erwartungsvoll an. Nach einer weiteren Minute des Schweigens wurden 2 Laptops zugeklappt. Der 3. Teilnehmer schrieb fleißig weiter. Diesen habe ich dann gefragt: „Wie viele E-Mails er denn am Tag bekommen würde?“ Er antwortete – sogar etwas stolz: „So um 120“. Der Arme dachte ich bei mir und machte dann weiter. „Wie viel Sie und Sie und …“ Der Durchschnitt lag bei 80 – 100 Mails pro Tag und „nur“ 10 – 30 am Wochenende und in den Ferien – täglich, natürlich.

Bei meiner nächsten Frage kam dann Ruhe in die Zuhörerschaft, die lautete: „Wie viele Abgänge und Burn outs hatten Sie in den letzten 2 Jahren?“ Von 50 Führungskräften 1. und 2. Ebene haben 6 das Unternehmen verlassen und 3 sind wegen Burn out ausgefallen.

Was für eine Verschwendung von Ressourcen.

Wir haben dann eine halbe Stunde über die Ursachen und Gründe gesprochen. Diese waren

  • Überregulierung
  • Keine Verantwortung abgeben wollen
  • Angst vor Kontrollverlust
  • Informations- und Abstimmungswahn (alle sind über alles informiert und entscheiden alles mit)
  • Keine Besprechungs- und E-Mail-Kultur
  • Das Denken in Silos und Königreichen

Als dies dann am Flipchart stand kamen natürlich die Gegenargumente:

  • Bei uns sind alle informiert
    ► Natürlich auch über die Bestellung von Bleistiften
  • Hohe Durchlässigkeit der Organisation
    ► Der Mitarbeiter darf mit dem Chef E-Mails austauschen, was  dann wieder zu einer Mailflut zwischen Chef, Chef-Chef und Chef-Chef-Chef führt
  • Schnelle Entscheidungsprozesse
    ► Wenn alle sich über alles abstimmen und alle bei allem mitreden, das darf getrost bezweifelt werden
  • „und Herr Wiegand, das ist bei uns Unternehmenskultur, wenn ich eine Mail schreibe, erwarte ich eine Antwort innerhalb einer Stunde“, so der CEO
    ► Ein typisches Mr.-Wichtig-Syndrom
  • und, und, und.

Ich habe dann die fruchtlose Diskussion gestoppt und meinen Vortrag gehalten – natürlich ohne Unterbrechung. Alle Laptops und Smartphones lagen gut sichtbar zugeklappt auf den Tischen.

Hinterher kam dann ein Manager zu mir und sagte: „Jetzt haben Sie uns aber einen eingeschenkt“, … oder Wege aus dem Informationswahnsinn aufgezeigt.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht und Sie so viele Mails bekommen. Verantwortlich für solche angeblich fortschrittlichen Managementkulturen sind nicht definierte Prozesse und ein aus meiner Sicht falsches Managementverständnis. Manager sollen führen und nicht 3 Stunden pro Tag Mails beantworten und den Rest mit Trouble shooting und Absichern der eigenen Person sowie Rechtfertigung des eigenen Handels verbringen.

Wenn wir unsere Produktion auch so organisieren würden, dass wir 10-E-Mails brauchen, um das Produkt von A nach B zu transportieren, würden wir nicht wettbewerbsfähig sein. Dort bestimmen prozessorientierte Abläufe, eindeutig definierte Regeln, klare Steuerungsmechanismen und gute Visualisierung das Geschehen. Rückfragen, Telefonate oder Mails sind nur die Ausnahme.

Und warum machen wir das in unserer administrativen Bereichen und bei unseren Managementprozesse nicht auch so???

Bleiben Sie uns gewogen – bleiben Sie Lean.

Ihr Bodo Wiegand

Das könnte Sie auch interessieren

1 Gedanke zu “Wir ertrinken in Informationen und hungern nach Wissen

  1. Hallo,

    gibt es Untersuchungen, wie viel Zeit und Kosten einzusparen sind durch eine adäquate Email-Kulur, sowie durch effizientere Besprechungen und besseres Führungsverhalten?
    Vielen Dank für Ihre Antwort im Voraus.

    Freundliche Grüße

    Jochen Gerstner

Schreibe einen Kommentar